Vor der Mahd suchen wir gefährdete Wiesen mit Wärmebilddrohnen nach Rehkitzen ab und bringen sie in Sicherheit – gemeinsam mit Landwirten, Jägern und ehrenamtlichen Helfern.
Warum Kitzrettung?
Rehkitze werden zwischen Ende April und Anfang Juli gesetzt, die Hauptsetzzeit liegt im Mai und Juni. Die Rehgeiß setzt ihre Kitze im hohen Gras ab und kommt mehrmals am Tag zum Säugen zu den Kitzen. In den ersten rund drei Lebenswochen haben die Kitze noch keinen Fluchtinstinkt: Sie drücken sich bei Gefahr regungslos ins hohe Gras und verharren in einer Art Starre („Duckreflex“).
Zusammen mit der guten Tarnung und dem kaum vorhandenen Eigengeruch ist das ein wirksamer Schutz vor Fressfeinden – in der modernen Landwirtschaft wird er den Kitzen jedoch zum Verhängnis: Bei der Mahd bleiben sie liegen und geraten ins Mähwerk. Die Folgen reichen von schweren Schnittverletzungen bis zum sofortigen Tod („Mähtod“).
Die Rehkitzrettung dient nicht nur dem Schutz einzelner Tiere, sondern verbindet die Interessen von Jagd, Landwirtschaft und Naturschutz.
Aus Sicht der Jägerschaft ist das Rehkitz Teil eines gesunden und artenreichen Wildbestandes. Jäger tragen eine gesetzliche Hegepflicht und setzen sich dafür ein, Wildtiere vor vermeidbaren Gefahren zu schützen. Der Mähtod zählt zu den häufigsten nicht natürlichen Todesursachen von Rehkitzen und kann durch eine rechtzeitige Suche in vielen Fällen verhindert werden.
Für die Landwirtschaft bedeutet die Kitzrettung ebenfalls einen wichtigen Beitrag. Gelangt ein Rehkitz ins Mähwerk, entsteht nicht nur großes Tierleid. Bereits kleinste Gewebereste oder Körperflüssigkeiten können das Futter mit Bakterien, insbesondere Clostridien, verunreinigen. Dadurch kann die Silage verderben und bei Rindern oder anderen Nutztieren schwere Erkrankungen wie Botulismus verursachen. Die Suche nach Rehkitzen schützt daher sowohl die Futterqualität als auch die Gesundheit der Nutztiere.
Aus Sicht des Natur- und Tierschutzes ist jedes gerettete Kitz ein Beitrag zum respektvollen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Moderne Landwirtschaft und der Schutz wildlebender Tiere müssen kein Widerspruch sein. Mit dem Einsatz von Wärmebilddrohnen lassen sich beide Ziele miteinander verbinden: Eine effiziente Bewirtschaftung der Flächen bleibt möglich, während gleichzeitig unnötiges Tierleid vermieden und die Artenvielfalt unserer Kulturlandschaft erhalten wird.
Rehkitzrettung ist deshalb gelebte Zusammenarbeit. Landwirte, Jäger und ehrenamtliche Helfer verfolgen ein gemeinsames Ziel: Wildtiere wirksam zu schützen und gleichzeitig eine nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen.
Deshalb suchen wir besonders gefährdete Flächen – vor allem in Waldrandlagen und bei hohem Bewuchs – vor der Mahd systematisch ab und sichern gefundene Kitze vorübergehend, bis die Fläche gemäht ist.
Wie funktioniert Kitzrettung?
Eine erfolgreiche Kitzrettung ist Teamarbeit und beginnt lange vor dem eigentlichen Einsatz:
- Verantwortung: Der Landwirt beziehungsweise der Maschinenführer ist als Verursacher der mit der Mahd verbundenen Gefahr dafür verantwortlich, geeignete Maßnahmen zum Schutz von Rehkitzen zu ergreifen. Dazu gehört insbesondere die rechtzeitige Organisation einer Rehkitzrettung in Abstimmung mit dem Jagdausübungsberechtigten.
- Verständnis: Rehkitzrettung gelingt nur durch gegenseitiges Verständnis und eine gute Zusammenarbeit. Während die Landwirte ihre Flächen innerhalb enger Witterungs- und Erntefenster bewirtschaften und damit ihren Lebensunterhalt sichern, engagieren sich Jäger und Kitzretter überwiegend ehrenamtlich. Deshalb sind eine frühzeitige Abstimmung, gegenseitiges Entgegenkommen, hohe Verlässlichkeit und ein effizienter Einsatz aller Beteiligten entscheidend für den gemeinsamen Erfolg.
- Planung: Der Landwirt meldet das Mähvorhaben frühzeitig beim Jagdpächter an; das Drohnenteam wird reserviert, Treffpunkt und Flächen werden abgestimmt.
- Team: mindestens zwei geschulte Kräfte (Drohnenpilot & Helfer) und der Jagdausübungsberechtigte/Jagderlaubnisinhaber.
- Absuchen: Die Fläche wird – meist in den frühen Morgenstunden – mit einer Wärmebilddrohne in einem überlappenden Suchraster vollständig abgeflogen.
- Austausch: Kitzretter, Jagdpächter und Landwirt sind im Idealfall eng vernetzt, um die Planung an die aktuelle Situation (Mähfreigabe, Kitzfunde, Mähreihenfolge) anzupassen.
- Bergen: Wird ein Kitz erkannt, positioniert sich die Drohne darüber und der Bergende wird per Funk eingewiesen. Das Kitz wird mit Grasbüscheln (Schutz vor Geruchsübertragung an das Kitz) behutsam aufgenommen.
- Sichern: Am schattigen Wald- oder Feldrand wird das Kitz unter einem belüfteten Faltkorb gesichert – maximal drei bis vier Stunden („Säugefrequenz der Rehgeiß“).
- Freilassen: Unmittelbar nach der Mahd werden die Kitze durch den Jagdausübungsberechtigten wieder freigelassen – möglichst nahe am Fundort.
- Kontrolle: Nach dem Freilassen wird ggf. bis zum Abend kontrolliert, ob die Rehgeiß das Kitz wieder „abgeholt“ hat.
Wärmebildtechnologie
Herzstück der Suche ist eine Drohne mit Wärmebildkamera: Sie macht die Körperwärme der Kitze (Rehwild ca. 39 °C) im kühlen Gras sichtbar – ein Kitz zeichnet sich als heller Punkt vom Untergrund ab.
- Kamera senkrecht (90°) nach unten, um direkt von oben in die Wiese zu blicken.
- Infrarot-Vollbild mit hohem Kontrast.
- Langsame Fluggeschwindigkeit (max. ca. 12 km/h).
- Bei Unsicherheit wird die Stelle im Tiefflug, per Sichtbild/Zoom oder durch Angehen geklärt.
Einsatzgrenzen
Auch modernste Technik hat rechtliche und physikalische Grenzen:
- Tageszeit & Temperatur: Nur bei Tageslicht; ideal kühle Morgenstunden. Bei Sonne/Wärme heizen sich Boden, Steine oder Maulwurfshügel auf („Störbilder“) – bis eine zuverlässige Unterscheidung nicht mehr möglich ist („Flächenleistung“) oder sich die Körperwärme des Kitzes nicht mehr von der aufgeheizten Umgebung abhebt.
- Recht & Flug: Drohnenführerschein, Sichtflug, Flughöhen und Abstände; Genehmigung des Jagdausübungsberechtigten; Flug in Naturschutzgebieten nur mit Genehmigung.
- Keine absolute Sicherheit: Ein Restrisiko bleibt. Die Vorsorgepflicht bleibt beim Landwirt als Gefahrenverursacher; kein Haftungsübergang auf die Kitzretter.
- Verfügbarkeit: Drohnen und geschulte Teams sind begrenzt und überwiegend ehrenamtlich – frühzeitige Reservierung ist wichtig.
Abstimmung: Landwirt – Revierpächter – Kitzretter
Rehkitzrettung gelingt nur im engen Zusammenspiel. Rechtlich ist die Abstimmung geboten: Ohne Zustimmung des Jagdausübungsberechtigten bzw. des Landwirts könnte das Aufnehmen von Kitzen als Wilderei gewertet werden. Deshalb ist am Einsatztag immer ein Jagdausübungsberechtigter oder Jagderlaubnisinhaber zugegen.
- Landwirt: Meldet das Mähvorhaben frühzeitig, beobachtet seine Flächen, mäht nach dem Absuchen zügig und zieht bei Funden die Fläche vor.
- Revierpächter / Jagdausübungsberechtigter: Ist das Bindeglied, beauftragt und koordiniert das Drohnenteam, stimmt Treffpunkt und Flächen ab und lässt die Kitze nach der Mahd frei.
- Kitzretter: Suchen die Flächen ab, bergen und sichern die Kitze und dokumentieren die Funde.
Unser Grundsatz: Kooperation ist die Lösung. Kein Landwirt vermäht gern ein Kitz – gemeinsam schützen wir das Jungwild am zuverlässigsten.
Gut zu wissen
- Für Mitglieder der KJV Heidenheim ist die Kitzrettung kostenlos.
- Am Einsatztag muss ein Jagdausübungsberechtigter oder Jagderlaubnisinhaber zugegen sein oder eine schriftliche Genehmigung vorliegen.
- Drohneneinsätze finden am besten in den frühen Morgenstunden statt.
- Gefundene Kitze dürfen maximal drei bis vier Stunden in den Faltkörben gesichert bleiben.
- Frühzeitige Kommunikation des Landwirts vor der Mahd und rechtzeitige Reservierung der Drohne sind entscheidend.
Planung Drohneneinsatz Hegering Alb
Verantwortlich: Marc Baier · Stellvertreter: Christian Schilk
Kontakt & Flächenanmeldung: info@kitzrettungalb.de
